Joachim von Winterfeld (1873-1934) – Der Dichter

Offizier, Dichter, Weltenbummler – Joachim von Winterfeld ist sicher der schillerndste Vertreter des Hauses Damerow. Doch ein abenteuerliches Leben wie seines konnte auch nicht frei von Widersprüchen bleiben. So diente der romantische Schöngeist seinem Land engagiert als Offizier in zwei der schrecklichsten kriegerischen Exzesse jener Zeit: der Niederschlagung des Herero-Aufstandes und dem Ersten Weltkrieg. Nur wenige Jahre seines rastlosen Lebens verbrachte er in Damerow.

Sehnsucht nach der Ferne

Joachim Ludwig Karl von Winterfeld wurde am 31. Mai 1873 in Berlin geboren. Seinen Großvater Ludwig Gustav sollte er kaum kennenlernen – der Patriarch starb nur kurz nach dem ersten Geburtstag seines Enkelsohnes. Joachim wuchs im Herrenhaus in Damerow auf, während sein Vater sich bemühte, den großen Fußstapfen Ludwig Gustavs gerecht zu werden. Er war fast fünf Jahre alt, als sein jüngerer Bruder Hans Carl Detlof geboren wurde. Ein weiteres Jahr später kam mit Marie Helene Luise eine Schwester zur Welt.

Seine erste Schulbildung erhielt der wissbegierige Junge von Hauslehrern in Damerow. 1885 ging er an das Gymnasium in Prenzlau, dann nach Putbus auf der Insel Rügen. Nach dem Abitur leistete er ein Jahr Militärdienst in einem Artillerieregiment und gewann bald den Eindruck, dass er zum Soldaten geboren wäre. Aus vielen seiner Schriften spricht eine romantische Einstellung zum Soldatenleben, die auch von späteren Erfahrungen der Realität der Krieges nur wenig getrübt wurde.

Zunächst jedoch zwang ihn die Weisung des strengen Vaters nach Göttingen, wo er an der Universität ein Jurastudium begann. Mit Grausen dachte er viele Jahre später an jene „graue, gerade, überall eingezäunte Straße mit weitvoraus sichtbaren Meilensteinen“, als die er sein Leben in dieser Zeit wahrnahm. Nach drei Jahren Studium erlaubte der Vater ihm die Rückkehr zum Militär.

Es war die Zeit der preußischen Weltmachtträume. 1890 hatte der junge Kaiser Wilhelm II. den besonnenen Reichskanzler Bismarck aus dem Amt gedrängt und strebte mit allem Nachdruck danach, das Deutsche Reich als Kolonialmacht zu etablieren. Kolonien in Afrika und Südostasien waren entstanden und fremde Länder drangen – nicht zuletzt auch durch die Romane Karl Mays, die gerade reißenden Absatz fanden – immer stärker ins öffentliche Bewusstsein. Auch im jungen Offizier Joachim von Winterfeld war das Fernweh geweckt. Als 1900 in China der Boxeraufstand losbrach, meldete er sich freiwillig für das Expeditionskorps, das der Kaiser in das ferne Asien entsandte. Am 27. Juli verabschiedete Wilhelm II. persönlich die Soldaten in Bremerhaven mit seiner zu trauriger Berühmtheit gelangten „Hunnenrede“, in der er härtestes Vorgehen gegen die Chinesen forderte: „Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter König Etzel sich einen Namen gemacht haben, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so muss der Name Deutscher in China auf tausend Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.“

Was der 27jährige Artillerie-Leutnant von den Worten des Kaisers hielt, ist nicht bekannt. Er selbst brannte vor romantischer Sehnsucht nach exotischen Ländern, fort von den vorgezeichneten Pfaden eines preußischen Landadeligen: „Ins Ungewisse soll sich von nun an mein Weg verlieren, in die bunte Urwaldfülle der Fremde, zu ungeahntem Erleben, zum Wagen, zu Taten.“ Ergriffen beschreibt er noch viele Jahre später seine Stimmung während der langen Überfahrt: „O wie glückselig habe ich am hochumgeischteten Bug gestanden, ergriffen und aufjubelnd beim Anblick des unendlichen Horizontes.“ Fast ein wenig ironisch blickt er ein Vierteljahrhundert später auf sein jugendliches Selbst zurück: „Von der unbeschreiblichen Farbenpracht südlicher Sonnenuntergänge stammelt mein Jugendtagebuch, von dem großen Leuchten im Meer und am Himmel in Tropennächten, und von dem jauchzenden, alle Erdenschwere vergessenden Aufschwung im Glanz eines indischen Morgens.“

In China, Japan und Amerika

Die Ankunft in China ernüchterte den romantischen Geist zunächst. Rauchende Trümmer zerstörter Städte und feindselige, fremdartige Einheimische sowie die Entbehrungen des mühsamen Vormarsches auf die Hauptstadt Peking ließen kaum romantische Gefühle aufkommen. Doch all dies war wie weggeblasen, als er die „greise Majestät der eroberten Hauptstadt“ und schließlich gar die Verbotene Stadt selbst sah. „Die dämmrige Feierlichkeit golddurchflimmerter Tempel ließ mich erschauern“, berichtet er später. „Das alles war für mich wie die Erfüllung schwelgerischer Träume. In dieser Umwelt sah meine Phantasie Größe und Entartung, überschwänglichen Machtrausch und schüchtern-würdevolles Leiden überfeinerten Ästhetentums.“

Fast ein Jahr währte der Aufenthalt in China, und der junge preußische Leutnant war fasziniert von der uralten Kultur des Landes. Nicht nur die vornehme Gesellschaft Pekings lernte er dabei kennen. Auf weiten Patrouillenritten sah er buddhistische Klöster in abgelegenen Bergregionen, und auch das einfache Landvolk blieb ihm nicht fremd. Ein besonders weiter Erkundungsritt von anderthalbtausend Kilometern Länge brachte ihn gar bis hinter die Große Mauer und war, so berichtet er, „an Erlebnissen seltsamster Art, Berggefahren und Scharmützeln so reich, dass sich darüber wohl ein ganzes Abenteuerbuch erzählen ließe, wenn es nicht für den Leser hierzulande gar zu unglaubwürdig klingen würde“.

Im Sommer 1901 wurde das deutsche Expeditionskorps heimgerufen. Joachim nutzte seinen halbjährigen Urlaub, um einen anderen Heimweg als den Truppentransport einzuschlagen. Zunächst bereiste er Japan, wo er den Fujijama bestieg und die alte Kaiserstadt Kyoto besuchte. Auf der langen Schiffsreise über den Pazifik machte er einen Zwischenstopp auf Hawaii – „ein Treibhaus voll betäubendem Blumenduft“, wie er schreibt – und erkundete das aufstrebende San Francisco und Kalifornien. Auf dem Weg quer durch die Vereinigten Staaten besuchte er unter anderem die Naturwunder des Yellowstone-Parks. Die Metropolen der Ostküste beeindruckten ihn tief. Von hier ging es per Schiff zurück in die Heimat, wo die Kaserne wartete.

In Afrika

Nur wenige Jahre hielt es Joachim in Deutschland, wo er nach dem Chinaabenteuer in Hannover stationiert war. Als Anfang 1904 in Deutsch-Südwestafrika (das heutige Namibia) der Aufstand der Herero gegen die deutsche Kolonialherrschaft ausbrach, ergriff er die Gelegenheit, sich der „Schutztruppe“ anzuschließen. Als Kommandeur einer Artillerieeinheit, der „Halbbatterie v. Winterfeld“, steckte er mitten in den zeitweise heftigen Gefechten gegen die Stammeskrieger und war auch in der entscheidenden Schlacht am Waterberg im August dabei. In diesem Gefecht gelang es den besser ausgerüsteten Deutschen, die zahlenmäßig weit überlegenen Herero zu besiegen und in die Wüste abzudrängen.

Der deutsche Oberbefehlshaber Lothar von Trotha gab nun die Anweisung aus, die Wüste abzuriegeln und die Herero von den Wasserstellen fernzuhalten. Tausende von ihnen kamen auf diese Weise beim wohl ersten systematischen Völkermord des 20. Jahrhunderts ums Leben. Joachim von Winterfeld und seine Einheit waren nach eigenen Angaben rastlos in der Buschlandschaft unterwegs und spielten zweifellos ihre Rolle im Sperrriegel, der die Herero vom rettenden Wasser trennte. Seine Schriften sagen dazu nichts – in für ihn typischer Weise schreibt er lediglich von „schweren, unsteten Kampfjahren“, die für ihn zu einer „Zeit der Klärung und des Reifens“ wurden.

In jenen Jahren in Afrika entstehen auch die Gedichte, die er der Mutter nach Damerow schickte und viele Jahre später in dem Büchlein „Aus verlorenem Land“ gesammelt veröffentlichte. Sie zeichnen ein romantisches Bild von wilder Natur, Soldatenalltag und Pflichterfüllung. Afrika faszinierte ihn. Doch seine Gesundheit litt erheblich unter den Bedingungen vor Ort. 1906, nach über zweieinhalb Jahren Kampf, kehrte er nach Deutschland zurück. Zwar war er gerade 33 Jahre, doch seine angeschlagene Gesundheit sollte ihm – sehr zu seinem Bedauern – fortan keine ausgedehnten Reisen mehr erlauben.

Der Große Krieg

Nach der Rückkehr aus Afrika wurde Joachim von Winterfeld Lehrer an der Feldartillerie-Schießschule in Jüterbog. Er war nun wieder häufiger im heimischen Damerow zu finden. Dort hatten sich nach wirtschaftlichen Problemen um die Jahrhundertwende die Bedingungen für die Landwirtschaft verschlechtert. Joachims jüngerer Bruder Hans Carl hatte sich die Reformierung des Gutsbetriebes auf die Fahnen geschrieben, stieß jedoch beim Vater auf hartnäckigen Widerstand. Joachim gab dem Bruder die moralische Unterstützung, die er benötigte, und gemeinsam überzeugten sie den Vater, die Leitung des Gutes einem Fachmann zu übergeben.

So wurde in Damerow der Agrarfachmann Joseph Rommel als Verwalter eingestellt – mit so weit reichenden Befugnissen, dass der eigentliche Gutsbetrieb der Familie praktisch entzogen wurde. Der über 70jährige Vater lebte weiter im Familiensitz, dem von Ludwig Gustav errichteten Damerower Herrenhaus. Die Gutswirtschaft leitete jedoch von nun an Rommel vom in jenen Jahren stark erweiterten Verwalterhaus „Villa Seeblick“.

Für Joachim, dem der Sinn nicht nach Landwirtschaft stand, war diese Lösung ideal, wusste er sein Erbe doch bei Bruder und Verwalter in fähigen Händen.

Im 1914 beginnenden Ersten Weltkrieg war Joachim zunächst Kommandeur einer Artillerieeinheit während der Offensive gegen Frankreich. Das Jahr 1915 sah ihn in Polen und Russland, bevor er Ende des Jahres an die Westfront zurückkehrte. Dass dieser Krieg anders war als andere Kriege zuvor, war auch dem von Soldatenromantik durchdrungenen Joachim deutlich. In seinen Erinnerungen wird er zum Ereignis von geradezu metaphysischem Charakter: „Der elementare Rausch siegreich-stürmender Riesenschlachten, die fieberhafte Nervenanspannung der langen Verteidigungskämpfe, der heiße Wille äußerste Lagen zu meistern: dieses ganze ungeheure Erleben, furchtbar und erhaben wie es nur größte Naturkatastrophen sind, zerstäubte gleichsam das eigene kleine Dasein mit seinen Empfindungen, seinem Begehren, löste es los von Vergangenheit und Zukunft.“

Am Ende des Krieges hochdekoriert und zum Oberstleutnant aufgestiegen, musste er entsetzt den Zusammenbruch der alten Ordnung miterleben. Als 1918 der Sturm der Novemberrevolution losbrach, kämpfte er an der Spitze eines Freiwilligen-Regiments auf verlorenem Posten in Berlin gegen die Revolutionäre. Ein „ergreifender Schmerz“ sei ihm dieser „Zusammenbruch heiliggehaltener Werte“ gewesen, schreibt er in seinen Erinnerungen. Nur bis Ende 1920 blieb er unter der neuen Ordnung Kommandeur eines Artillerieregiments.

Herr zu Damerow

In Damerow war 1916, mitten in den Kriegswirren, der Vater gestorben, und Joachim war nun der neue Herr des Rittergutes. Er nahm 1920 nach seinem Abschied vom Militär seinen Wohnsitz im alten Herrenhaus. Die Reformierung der Gutswirtschaft war unter Joseph Rommel deutlich vorangeschritten. Damerow zählte fast 300 Einwohner, die Landwirtschaft auf den über 800 ha Land florierte. In die Bewirtschaftung des Landes mischte sich der neue Gutsherr nicht ein. Statt dessen widmete er sich der längst fälligen Gründung einer eigenen Familie. Im Mai 1920 heiratete er Margherita Moser von Filseck. Sie war die jüngere Schwester der Frau seines Bruders Hans Carl. Bis 1926 wurden eine Tochter und drei Söhne geboren, und im Herrenhaus von Damerow zog wieder Leben ein.

Daneben widmete sich Joachim seiner zweiten Leidenschaft, der Dichtkunst. Drei Bände mit Gedichten und Prosa erschienen in diesen Jahren: „Aus verlorenem Land“ mit den Gedichten aus seiner Zeit in Afrika im Jahr 1923, „Fremde und Heimat“ im Jahr 1926 und „Wir und unsere Pferde“ im Jahr 1933. Sie sind voll von Nostalgie, soldatischer Romantik und Heimatverbundenheit und waren zu ihrer Erscheinungszeit durchaus populär.

Seine angegriffene Gesundheit und wahrscheinlich auch der Zustand seines Heimatlandes, das sich seit dem Ende der 20er Jahre immer mehr dem Chaos und schließlich der nationalsozialistischen Diktatur näherte, setzten Joachim jedoch sehr zu. Am 30. März 1934 starb er, gerade 60jährig, in Berlin, und wurde in Damerow auf dem Familienfriedhof beigesetzt. Sein Erbgut aber ging schweren Zeiten entgegen.