Ludwig Gustav von Winterfeld (1807-74) – Der Erbauer

Im Schlosspark in Damerow erinnert ein Gedenkstein auf einer Hügelkuppe an den „Erbauer Damerows“. Gemeint ist niemand anders als Ludwig Gustav von Winterfeld, der 1835 als Teil seines Erbes in den Besitz Damerows kam. In den dreieinhalb Jahrzehnten, die er hier verbrachte, machte er aus dem verwahrlosten Vorwerk ein modernes landwirtschaftliches Rittergut. Er darf zu Recht als wichtigste Person in der Geschichte Damerows gelten.
Kindheit und Jugend

Dem Vater Hans Friedrich von Winterfeld gehörten im Jahr 1807 zwei Güter: Damerow, das von einem Pächter bewirtschaftet wurde, und das kurz zuvor gekaufte Nemitz in der Nähe von Stettin, wo die Familie lebte. Hier erblickte Ludwig Gustav am 31. Mai des Jahres als vierter Sohn das Licht der Welt. Es war eine harte Zeit. Ein halbes Jahr zuvor waren Napoleons Truppen in Stettin einmarschiert und hatten das Umland geplündert. Sie blieben bis 1813 und ließen die kleine Gutswirtschaft nie zur Ruhe kommen.

Ludwig Gustav wuchs in dieser entbehrungsreichen Zeit mit vier Brüdern und vier Schwestern auf. Besonders das Kriegsjahr 1813, als die Franzosen vertrieben wurden, traf die Familie schwer. Zwei Schwestern starben. Der Vater, zwar hochgebildet, aber nicht sehr krisenfest, erholte sich von der harten Zeit nicht mehr. Im Jahr 1816 verkaufte er Nemitz und zog mit der Familie in ein Stadthaus nach Prenzlau. Nur drei Jahre später starb er im Alter von 58 Jahren.

Das Geld reichte nur noch für das Nötigste. Ludwig Gustav ging zum Gymnasium in Prenzlau, doch die Universität war außerhalb der Möglichkeiten der Familie. Er folgte seinem älteren Bruder Hans Carl in die Hauptstadt Berlin zum Kadettenkorps – der letzten Chance des verarmten Adligen auf eine standesgemäße Ausbildung. 1824 kam er als junger Infanterie-Leutnant nach Stralsund. Weitere Stationen folgten. Schon in diesen Jahren begann er, sich mit der Geschichte seiner Familie zu beschäftigen und historische Dokumente zusammenzutragen.

Der Militärdienst stand ihm gut, und während seiner Dienstzeit an der Kriegs-Akademie in Berlin verlobte er sich mit Amalie von Katte. 1833 heirateten beide, und Ludwig Gustav ließ sich nach Prenzlau versetzen – zurück in die Heimat.
Herr auf Damerow

Nur knapp ein Jahr nach der Heirat – am 27. Januar 1835 – fiel ihm aus dem väterlichen Erbe das Gut Damerow zu. Das Gut war 33 Jahre lang einem Pächter überlassen worden und befand sich in denkbar schlechtem Zustand. „Die Felder waren fast ertraglos geworden“, schreibt Ludwig Gustav selbst im zweiten Band seiner Familiengeschichte. „Die Gebäude unzureichend und zum Theil verfallen. Bäume waren kaum dem Namen nach vorhanden.“ Sein Enkel Joachim fügte in einem Vortrag im Jahr 1933 hinzu: „Von den rund 3000 Morgen wurden überhaupt nur die dem Gehöft zunächst gelegenen Teile, die drei Felder, in dreijährigem Wechsel bestellt, alles andere war Dauerhutung und mußte teilweise erst urbar gemacht werden. Damerow war im wesentlichen Schäferei.“

Für den militärisch ausgebildeten Adligen war die Landwirtschaft ein völlig neues Feld. Immerhin kamen ihm seine organisatorischen Talente zugute. Er ging auf Reisen durch England, das damals Vorreiter bei der Modernisierung der Landwirtschaft war. Das Gelernte setzte er beim Aufbau des Damerower Gutes um. Die Lehmböden mussten gedüngt und fruchtbar gemacht, versumpfte Flächen trockengelegt werden. Das halb verfallene alte Vorwerk war für diesen Zweck völlig ungeeignet. Neue Gebäude – Scheunen, Stallungen, Wohn- und Wirtschaftsgebäude – mussten her. Es war ein Projekt für mehrere Generationen, das Ludwig Gustav mit unerschöpflicher Energie in Angriff nahm.

Die folgenden Jahre vergingen mit harten Aufbauarbeiten in Damerow. Auf eigenen Wunsch wurde er 1837 aus dem aktiven Militärdienst entlassen, um sich fortan ganz dem neuen Zuhause zu widmen.

Das bedeutete für ihn auch, sich politisch zu engagieren. Durch seine Übernahme war Damerow zum Rittergut geworden, und Ludwig Gustav Mitglied der Ritterschaft – der Vertretung des grundbesitzenden Adels im Landtag. Er engagierte sich in den folgenden Jahren immer wieder für den Kreis Prenzlau, in dessen Verwaltungsapparat bis zum Ersten Weltkrieg immer wieder Winterfelds wichtige Positionen einnahmen. Als 1837 Ludwig Adolph von Winterfeld (aus dem Haus Groß Spiegelberg) sein Amt als Landrat niederlegte, war Ludwig Gustav als Nachfolger im Gespräch. Es kam nicht dazu, obwohl er alle notwendigen Prüfungen bestand. Dennoch war er für die Kreisstände vielfach in ökonomischen Kommissionen tätig und wurde in verschiedene Ämter gewählt.

Für den preußischen Junker waren es turbulente Jahre, die in der Revolution von 1848 gipfelten. Der Aufruhr machte auch vor der Uckermark nicht Halt. Ludwig Gustav stürzte sich in die Debatten mit den bürgerlichen Liberalen, die gegen die überkommene Ordnung aufbegehrten. Für deren demokratisches Gedankengut hatte er wenig übrig, und er war bereit, für die Monarchie einzutreten. Der dreistöckige Damerower Kornspeicher, just 1848 fertiggestellt, wurde mit einer politischen Versammlung eingeweiht. Als die Kämpfe ausbrachen und auch in den Nachbarorten erste Güter brannten, ließ er das Hauspersonal bewaffnen und um die Gutsanlage patrouillieren. Die Gebäude überstanden das „Jahr der Schmach“, wie er es einmal nannte, unbeschadet. Doch sein Preußen, wie er es kannte – das Preußen, in dem der König und seine adligen Junker nach Belieben schalten und walten konnten – gab es danach nicht mehr.

Mit um so mehr Energie stürzte er sich in den Aufbau Damerows. Ställe, Scheunen und Wohnhäuser für die Landarbeiter wuchsen aus dem Boden, aus Ziegeln und soliden Feldsteinen errichtet. Vieles davon kann man noch heute sehen. Noch 1817 hatten in Damerow gerade 65 Menschen gelebt – im Jahre 1858 waren es 222. Stolz zieht er selbst 1865 Bilanz: „Die Gebäude sind neu und meist massiv, das Wohnhaus umgiebt ein Lust- und Gemüsegarten von 24 Morgen, die Felder lohnen der Arbeit und manche Baumgruppe an Brüchen und auf sandigen Höhen unterbricht die Eintönigkeit der Hochebene. Gott hat der Mühe den Lohn gegeben.“ Ein florierendes Rittergut war entstanden, und der Erfolg machte Ludwig Gustav von Winterfeld zum wohlhabenden und geachteten Mann.

Ein neues prächtiges Herrenhaus wurde auf den Grundmauern eines Vorgängerbaus errichtet, groß genug, um der wachsenden Familie ein Zuhause zu bieten. Die ersten beiden Kinder des Paares waren 1836 noch im Säuglingsalter gestorben. 1839 wurde in Damerow Carl Ludwig geboren, der die Familientradition fortführen würde. Bis 1845 kamen drei weitere Kinder hinzu: Detlof Gustav, der jedoch schon 1853 als Zehnjähriger verstarb, und die beiden Töchter Luise Amalie (1844-1918) und Anna Charlotte (1845-1914). Doch nicht nur die eigenen Kinder vergrößerten die Familie. Neffen und Nichten, Verwandte der Ehefrau und zahlreiche andere Schutzbefohlene lebten zeitweise mit im Herrenhaus.

Die Anerkennung und auch der soziale Aufstieg gingen mit dem Engagement und den Erfolgen einher. 1856 wählte ihn der uckermärkische Adel als Nachfolger Carl Detlofs von Winterfeld (aus dem Haus Menkin) zum Ritterschaftsdirektor. Sechs Jahre später wurde er als Rechtsritter in den Johanniterorden aufgenommen, der die Elite des preußischen Adels versammelte. 1867 entsandte ihn der uckermärkische Adel gar ins preußische Herrenhaus, das Oberhaus des 1848 gebildeten Parlaments, dem er bis zu seinem Tod angehörte.

Neben all den Ehren und Ämtern verlor er jedoch die Sicherung des Familienbesitzes nicht aus dem Blick. 1864 kaufte er das stolze 6000 Morgen umfassende Gut Pätzig in der Neumark (heute Piaseczno bei Trzcińsko Zdrój in Polen). Ähnlich wie in Damerow war hier viel Aufbauarbeit vonnöten. Die beiden Güter und seine Pflichten in Prenzlau und Berlin brachten es mit sich, dass er viel reiste. Sein Enkel Joachim berichtet, dass er noch im hohen Alter geradezu rastlos unterwegs war – am Morgen auf den Feldern um Damerow, mittags in Prenzlau zur Kreisdeputierten-Sitzung, am nächsten Tag mit der Bahn nach Berlin zur Sitzung des Herrenhauses und am Abend in die Oper, tags darauf nach Pätzig zur Stippvisite, dann zurück nach Damerow. Regelmäßig reist er quer durch Europa, so etwa 1869 zur Weltausstellung nach Paris, und immer wieder nach England.

Schon 1868 war seine Frau Amalie gestorben. Am 18. August 1874 starb auch er im Herrenhaus in Damerow. Sein Grab findet sich auf dem Familienfriedhof direkt neben der mittelalterlichen Kirchenruine im von ihm angelegten Lustgarten hinter dem Schloss. Neuer Herr auf dem Rittergut Damerow wurde sein Sohn Carl Ludwig von Winterfeld.

Chronist der Familie

Die spärliche Freizeit Ludwig Gustavs war der Familie und ihrer Geschichte gewidmet. Schon als junger Offizier hatte er Dokumente zusammengetragen – in späteren Jahren wurde ihm dieses Hobby mehr und mehr zur echten Herzensangelegenheit. Die Forschung brachte es mit sich, dass er mit nahezu jedem Vetter, selbst aus den entfernteren Zweigen der Familie, in regem Kontakt stand und zur wichtigsten Integrationsfigur des verzweigten Geschlechts wurde.

1857 stand das 100jährige Jubiläum der Schlacht von Moys an, in der im Siebenjährigen Krieg General Hans Karl von Winterfeldt, als Vertrauter Friedrichs des Großen der berühmteste Vertreter der Familie, den Tod fand. Nach einer Gedenkfeier in Anwesenheit des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. wurden die sterblichen Überreste des großen Vorfahren auf dem Invalidenfriedhof in Berlin beigesetzt. Ludwig Gustav nahm dies zum Anlass, den Familienverband ins Leben zu rufen, der bis heute existiert. Außerdem verkündete er auf diesem ersten Familientag in Potsdam, dass er aus den unzähligen gesammelten Informationen eine Familienchronik zusammenfügen wolle.

Der Detailreichtum des Werkes, von dem zu seinen Lebzeiten drei voluminöse Bände erschienen, ist schier überwältigend und lässt erahnen, welche Arbeit und Geduld dahinter steckt. Die „Geschichte des Geschlechts von Winterfeld“, die bis heute durch die Arbeit anderer Familienmitglieder auf sechs Bände angewachsen ist, ist sein wichtigstes Vermächtnis an die Familie geblieben.

Sein anderes – steinernes – Vermächtnis war Damerow, aus dem er mit unermüdlicher Energie in vierzig Jahren ein florierendes Rittergut gemacht hatte. Die Spuren seiner Tätigkeit sind dort noch heute allgegenwärtig.